Das Getränk des Sommers 2021?

Was ist eigentlich Hard Seltzer

Ist der Ausgang aus der Krise erst geschafft, wird auch der Ausgang nach der Krise zurückkehren. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir Dosen, Wellen sowie Trends und Entwicklungen aus dem Ausland wieder mit anderen Dingen attribuieren. Mit White Claw zum Beispiel…

Was haben Bostitch, iPhone, Netflix und Tipp-Ex gemeinsam? Alle diese Marken haben es geschafft, dass man sie als Kategorie- definierende Bezeichnung verwendet. Auch White Claw, der berühmteste Hard Seltzer auf dem Markt, ist auf bestem Weg dazu zum Synonym des neusten Trends zu werden, der von der anderen Seite des Teiches zu uns herüberschwappt.

Im ersten Moment mag es erstaunen, dass aromatisiertes Sprudelwasser mit Alkohol sich zum Gesprächsthema No. 1 im Bereich der RTDs gemausert hat. Dabei handelt es sich nämlich weder um eine besonders innovative Kreation, noch um eine absolute Neuheit. Spirituose und Soda – ist ein Hard Seltzer also böse gesagt nicht mehr als ein Highball im Alumantel?

Diese Argumentation greift zu kurz, denn auch wenn sich einige Hard Seltzer-Produzenten von Drinks wie der Skinny Bitch (Vodka und Soda) inspirieren liessen, so kommen die meisten Hard Seltzer nämlich ohne gebrannte Wasser aus.

Die Zeit ist reif

Wie Kleider und Gadgets unterliegen auch Geschmäcker und Getränke der Macht sich stets verändernder Trends. Und dass wir heute über Hard Seltzer sprechen, scheint kaum Zufall zu sein. Angefangen beim Trend zu weniger süssen Getränken.

Hinter dem Verzicht von Zucker stecken Themen wie Selbstoptimierung, Gesundheit oder auch die Bedeutung Sozialer Medien. Und wenn es mal etwas Süsses sein darf, dann in einer kleineren Verpackung oder wenigstens in «Premium»-Qualität.

Der deutsche Komiker Florian Schroeder hatte schon 2014 von der Schorlifizierung der Gesellschaft gesprochen – dem Dilemma, dass man stets Ja und Nein gleichzeitig sagen will. Alkohol? Gesundheit? Selbstoptimierung? Spass? Mit dem bewussten Jein sagt man gleichzeitig Ja zum Widerspruch und Nein zu Dogmen und strikter Konsequenz. Wenn Alkohol, dann wenigstens etwas Leichtes.

Wenn Alkohol, dann wenigstens etwas Leichtes.

Hard Seltzer punktet, wo sich andere Getränke abmühen. Im Unterschied zu Bier ist Hard Seltzer ein wesentlich leichteres Getränk. Gerade für Gäste, die Bier wegen der Bittere nicht mögen ist Hard Seltzer eine valable Alternative.

Wein hingegen weist bereits einen höheren Alkoholgehalt auf. Der gespritzte Weisse würde dieses Argument entkräften, doch mit der Geschmacksvielfalt von Hard Seltzer kann er es kaum aufnehmen. Flavoured Cider, sofern diese nicht gesüsst sind, kommen Hard Seltzer in Geschmack und Branding wohl am nächsten.

Weiter ist es die Gelegenheit, zu welcher man zu Hard Seltzer greift, die der Kategorie helfen wird, sich zu etablieren. Es ist primär dem Marketing-Budget der marktführenden Marken zu verdanken, dass Hard Seltzer im Jahr 2021 in den Kiosken, an Festivals oder einfach an der Seepromenade verkauft und getrunken wird – sofern Corona- bedingt möglich.

Doch hat die Pandemie der Erfolgswelle von Hard Seltzer überhaupt geschadet? Als die Bars geschlossen wurden, hat sich der Alkoholkonsum in die eigenen vier Wände verlagert. Das Feierabendgetränk holte man sich nicht an der Bartheke, sondern aus dem eigenen Kühlschrank. Folglich profitierten jene Produzenten, die in dieser Zeit im Detailhandel im Getränkeregal standen oder Kunden zum digitalen Regal des eigenen Online-Shops führen konnten.

Es liegt auf der Hand, dass sich RTDs nicht über sinkende Absatzzahlen beklagen mussten. Ansonsten wäre der Hard Seltzer-Hype kaum zu erklären. In den USA, wo Hard Seltzer bereits seit einigen Jahren ein grosses Thema ist, weist die Kategorie Wachstumszahlen im zweistelligen Prozentbereich auf. Europa ist vergleichsweise ein junger Markt.

Heute assoziiert der Konsument die Dose nicht mehr automatisch mit «billig».

Es gibt Hard Seltzer, die in Glasflaschen abgefüllt sind (viele Schweizer Produzenten scheinen diese Verpackung vorzuziehen), die Mehrheit dieser Getränke steckt jedoch in der Dose. Doch dies ist kaum mehr ein Nachteil, denn heute assoziiert der Konsument die Dose nicht mehr automatisch mit «billig».

Vorreiter waren in diesem Bereich die Craft Beer Brauereien, die teilweise gerne auch mal über CHF 5 für ein 33-cl-Dosenbier verlangen. Sogar von Wein in der Dose verspricht man sich eine rosige Zukunft – und die Entwicklungen in den USA und dem Vereinigten Königreich scheinen dem Wein im Aluminiumkleid recht zu geben.

Wer gewinnt? Wer verliert?

Hard Seltzer hat den Nerv der Zeit getroffen. Doch mit der steigenden Popularität dürfte der Druck steigen, die Kategorie höher zu besteuern oder in jedem Fall erst ab 18 Jahren zuzulassen. Der generelle Alkoholkonsum wird durch die neue Kategorie kaum zunehmen. Viel wahrscheinlicher ist, dass andere alkoholhaltige Getränke ein Stück des Kuchens an die neue Kategorie verlieren. Doch welche?

Dass in den USA vor allem Brauereien früh auf den Trend aufgesprungen sind, hat mehrere Gründe. Es liegt nicht nur daran, dass sich die nötige Infrastruktur (Abfüllanlage) und Know-how (Fermentation) mit der Bierproduktion überschneidet.

Mit der steigenden Popularität dürfte der Druck steigen, die Kategorie höher zu besteuern oder in jedem Fall erst ab 18 Jahren zuzulassen.

Die Brauereien wittern in der neuen Kategorie folglich nicht nur die Gefahr, dass Hard Seltzer den Biermarkt verkleinern wird, sondern auch die Chance eines neuen Geschäftszweigs. Mit Hard Seltzer erreichen sie auch Menschen, die aus Prinzip kein Bier trinken würden.

Doch auch die Spirituosenbranche hat die Kategorie für sich entdeckt. Gerade Vodka, wenn er bloss als Alkoholquelle dient, muss sich vor der günstigeren, fermentierten Alternative fürchten. Die Antwort sind Hard Seltzer von Vodka-Brands, die mit RTDs oft schon langjährige Erfahrungen mitbringen. Doch auch Unternehmen anderer Spirituosenkategorien (Tequila, Rum, Gin etc.) haben in den letzten Monaten Hard Seltzer lanciert.

Doch wie schmeckt Hard Seltzer eigentlich? Bei den heute auf dem Markt erhältlichen Produkten geht die Spannweite von einem aromatisierten kohlensäurehaltigen Mineralwasser (Stichwort Limelite mit Alkohol) über Vitamin- C-Brausetablette mit Schuss, bis zur alkoholhaltigen Limonade.

Die vorherrschenden Geschmacksrichtungen stammen von Zitrusfrüchten, wobei auch Beeren, Kräuter, Ingwer oder eine Mischung verschiedener Aromen zur wachsenden Geschmacksvielfalt beitragen. Gesüsst werden Hard Seltzer nur mit einigen wenigen Gramm Zucker oder mit Süssstoffen.

Hartes «Chrüseliwasser»: Swiss Made

Hard Seltzer ist hierzulande erst seit Kurzem ein Thema. Zu den ersten, die sich in der Schweiz dieser Kategorie annahmen, war die Distillerie Erismann. Ihr John’s Hard Seltzer gibt es mittlerweile in drei Geschmacksrichtungen. Es überrascht und ist nicht selbstverständlich, dass eine traditionelle Brennerei auf ein trendiges RTD setzt.

Auch diverse Brauereien haben bereits ein eigenes Hard Seltzer im Angebot. Ebenfalls aus Zürich kommt das Limmatwasser (fermentiert) vom Brausyndikat in Dietikon. Doch auch Lägerebräu mit Gisela (Wacholder/Apfel) und Swiss Taste (Birne, Quitte, Holunder) oder Dr. Gabs aus der Romandie haben bereits eigene Hard Seltzer herausgebracht, wie auch Lateltin mit Bull Hard Seltzer.

Zu den First Movern gehören auch Start-ups und Quereinsteiger wie die Kontrast Kompositions GmbH (bekannt für ihre Liquids für E- Cigaretten), deren Hardie Hard Seltzer mit einer intensiven Ingwer- und Zitrus-Note auftrumpft. Die Lumière des Alpes GmbH hat neben Milchkannen-Laternen neu auch Gin und die Lai-Hard Seltzer in ihrem Online-Shop.

Auch Nylo, Sparklys, Against the Grain, Sunday Seltzer und Bubblz gehören zu den neuen Playern auf dem Schweizer Markt, wo auch bereits internationale Brands wie White Claw, Luke’s, Served, Raw, Smirnoff oder Topo Chico mitmischen.

Die minimale Aromatisierung erlaubt es kaum, Fehler in der Produktion zu überdecken.

So einfach das Produkt auch klingen mag (Mineralwasser, ein My Aroma und ca. 5 Vol.-% Alkohol), so anspruchsvoll ist die Produktion. Ein kristallklares, fermentiertes Hard Seltzer ist komplizierter in der Herstellung, als man denken könnte. Denn die minimale Aromatisierung erlaubt es kaum, Fehler in der Produktion zu überdecken.

Ist der Sommer 2021 Geschichte, wird man ein erstes Fazit ziehen können. Schafft es die Kategorie Konsumentinnen und Konsumenten für sich zu gewinnen? Welche Brands können aus neugierigen Trend-Jägern eine treue Stammkundschaft aufbauen? Time will tell…

Vorsicht Verantwortung

Wer Ready-to-Drink (RTD) wie Hard Seltzer oder Alcopops im Angebot hat, muss über die Alterslimiten bei der Werbung und Verkauf Bescheid wissen. Besonders aufpassen muss man bei Hard Seltzer. Werden diese mit der Zugabe einer Spirituose hergestellt, gelten andere Regeln, als wenn diese nur mit fermentiertem Alkohol hergestellt worden sind.

Produkte, die dem Alkoholgesetz unterstellt und als Alcopop eingestuft worden sind, werden mit dem vierfachen Spirituosensteuersatz von CHF 116 je Liter reiner Alkohol belastet.

Bei Hard Seltzer, die zwar mit der Zugabe von Spirituosen hergestellt wurden, jedoch wegen des tiefen Zuckergehalts nicht in die Kategorie der Alcopops (Sondersteuer) fallen, ist lediglich der Normalsatz von CHF 29 pro Liter reiner Alkohol zu entrichten.

Kauft ein Konsument hingegen ein rein aus fermentiertem Alkohol hergestelltes Hard Seltzer – welches also ganz ohne Spirituosen hergestellt wurde – bezahlt er oder sie gar keine Spirituosensteuer. Diese RTDs können laut aktueller Gesetzgebung eher mit Bier oder Wein verglichen werden, was auch bedeutet, dass für diese Art von Hard Seltzer das Mindestalter 16 gilt.

Je nach Herstellungsprozess ergeben sich somit zwei verschiedene Alterslimiten, die bei der Werbung und beim Verkauf von Hard Seltzer eingehalten werden müssen. Dies ist nicht ideal. Es ist zu erwarten, dass der Gesetzgeber sich dieser Problematik in naher Zukunft annehmen wird.

Die Verantwortung liegt weiterhin bei den Anbietern solcher Getränke. Produzenten, Händler und Barkeeper müssen sich an diese Regelung halten und dies auch klar kommunizieren. Im Zweifelsfall empfiehlt es sich, diese Produkte nur an Personen zu verkaufen, die das 18. Lebensjahr erreicht haben.

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