Einstige Whiskey-Weltmacht

Irish Whiskey – ein Riese meldet sich zurück

Im letzten Jahrhundert schien es, als würde es für Irish Whiskey bloss eine Richtung geben: bergab. Doch nun ist die einstige Whiskey-Weltmacht auf bestem Weg, zu alter Grösse zurückzufinden – auch wenn der Nachbar aus Schottland kaum vom Thron zu stossen sein wird.
Wie eine Anspielung auf die einstige Grösse der irischen Whiskey-Industrie. The Giant’s Causway in Nordirland.

Ein Comeback kann nur feiern, wer nach einer Ruhepause an den Erfolg längst vergangener Tage anknüpfen kann. Dank Wachstumszahlen im mehrstelligen Prozentbereich und der Anzahl an Brennereien, die in den letzten Jahren ihren Betrieb aufgenommen haben, dürfte es keinem entgangen sein, dass die Zukunft der immer noch boomenden Whisk(e)y-Kategorie nicht nur schottisch und amerikanisch, sondern auch irisch ist.

Zwei Weltkriege, dazwischen die Prohibition in den USA. Die meisten exportierenden Spirituosenproduzenten wurden im vergangenen Jahrhundert gleich mehrmals innert Kürze auf die Probe gestellt. Doch der Stein, welcher den irischen Whiskey-Produzenten in den Weg gelegt wurde, war um einiges grösser als sonst wo.

Wie überall wurde Getreide während der Kriege rar und Alkohol für das Militär zweckentfremdet. Auch in der «Zwischenkriegszeit» konnte sich Irland nicht erholen, denn mit der Irischen Revolution erlangte das Land 1921 zwar seine Unabhängigkeit, es folgte jedoch ein Bürgerkrieg.

Damit verbunden waren wirtschaftliche Spannungen mit Grossbritannien – und damit auch den dazugehörigen Commonwealth-Staaten, welche seinerzeit immerhin ca. einen Viertel der Landfläche der Erde und einen Viertel der Weltbevölkerung umfasste. Dies hatte zur Folge, dass die weltweite Nachfrage nach irischem Whiskey implodierte.

Wendepunkt für die Iren

Scotch Whisky im Vergleich stand nach den Rückschlägen wesentlich schneller wieder auf den Beinen. Mit den Blends gab es beim Scotch zudem einen längst etablierten, günstigeren und damit konkurrenzfähigeren Whisky-Stil. Bei den irischen Whiskey-Brennern ging die Konsolidierungs- und Konkursphase derweil weiter, bis in den 1970er-Jahren die Anzahl Brennereien nur noch an einer Hand abgezählt werden konnte – wobei man zum Zählen bloss noch zwei Finger brauchte.

Nur noch etwa 35 000 bis 45 000 Hektoliter betrug die jährliche Whiskey-Produktion in diesen Jahren, alles aus dem Hause Irish Distillers Limited (IDL) einem Zusammenschluss von John Jameson & Son, The Cork Distillery Company und John Power & Son, der später auch noch Bushmills in Nordirland schlucken würde.

Doch mit der Inbetriebnahme der neuen Midleton Distillery durch die IDL (die alte Brennerei war im Besitz der Cork Distillery Company und dient heute als Jameson Experience Midleton) startete eine moderne Brennerei, welche noch heute die grösste der Insel ist. Sie verfügt sowohl über Column Stills für die Produktion von Grain Whiskey als auch über verschiedene Pot Stills, darunter Wash Stills mit Kapazitäten von bis zu 75 000 Liter.

Dies ist nicht nur für schweizerische Verhältnisse eine schwer fassbare Grösse, fassen doch die meisten Brennkessel hierzulande bloss zwischen 150 bis 300 Liter. Auch in Schottland kennt man meist «kleinere» Wash Stills, die im Vergleich zu den Pot Stills in Midleton bloss etwa einen Drittel oder einen Viertel der Kapazität umfassen.

Weitere Zeichen für die Wiedergeburt des irischen Whiskeys wurden Ende der 1980er-Jahre erkennbar. Mit Pernod Ricard übernahm ein internationaler Konzern die Irish Distilleries und machte Jamesons weltweit zum Inbegriff von Irish Whiskey.

Kurz zuvor machte sich der Unternehmer John Teeling an die Arbeit, das Monopol der Irish Distillers zu brechen. Er erwarb eine staatliche Spirituosen- Brennerei im Norden der Republik, gründete dort die Cooley Distillery und übernahm das Portfolio der 1954 geschlossenen Kilbeggan Distillery. Die Brennerei im gleichnamigen Städtchen Kilbeggan diente während Jahrzehnten nur touristischen Zwecken, bis der Betrieb der Brennanlage 2007 wieder aufgenommen wurde.

Anhaltender Gründungsboom seit 2010

Vor einem halben Jahrhundert noch zwei Brennereien, vor zehn Jahren dann vier, heute über fünfunddreissig – und es ist gut möglich, dass wir in zehn Jahren von gut sechzig irischen Brennereien sprechen werden. Und doch ist die Zahl an erhältlichen Whiskeys aus Irland noch verhältnismässig klein.

Die meisten irischen Marken stammen nach wie vor aus der Midleton Distillery (Jameson, Red Breast, Powers, Green Spot), Bushmills und Cooley (Connemara, Tyrconnell, Locke’s). Denn bis die neuen Brennereien ihre selbst gebrannten Whiskeys auf den Markt bringen, benötigt es Zeit und Geduld. Mindestens drei Jahre muss das Destillat in Holzfässern ruhen – und da Irland nicht gerade für seine tropischen Temperaturen bekannt ist, dürfen es gerne auch einige Jahre mehr sein.

Da man die Zeit dennoch am besten mit einem Drink in der Hand überbrücken möchte, haben viele dieser Brennereien auch noch ein ungealtertes Produkt im Angebot.

Diesen Weg hat etwa die 2014 eröffnete The Shed Distillery gewählt, die mit ihrem erfolgreichen Drumshanbo Gunpowder Irish Gin bereits eine Fangemeinde aufbauen konnte, ehe 2019 der erste Single Pot Still Whiskey abgefüllt wurde. Auch Glendalough ist bereits mit einem Gin auf dem Markt präsent sowie mit Whiskeys von anderen Distillerien gebrannt.

Whiskeys aus anderen Brennereien unter der eigenen Marke zu verkaufen ist ein Weg, den auch Brennereien wie Roe & Co oder Teeling gegangen sind. Teeling wurde 2015 von John Teelings Söhnen gegründet, der seinerseits nach dem Verkauf von Cooley an Jim Beam (heute: Beam Suntory) die Great Northern Distillery eröffnet hatte. Mit dem Verkauf sicherte sich Teeling einen Teil des Stocks der Cooley Distillery, weshalb Teeling direkt als Whiskey-Brand durchstarten konnte.

Im Fahrwasser des irischen Whiskey-Booms erlebt eine traditionelle irische, hierzulande kaum bekannte Spirituosenkategorie einen Aufschwung: Poitín. Der Moonshine der Iren, meist auf Basis von Getreide, Kartoffeln oder Zuckerrübenmelasse, wurde während Jahrhunderten primär in ländlichen Gegenden illegal gebrannt.

Erst 1997 aus der Illegalität geholt, erhielt Irish Poitín im Jahr 2008 gar den Schutz einer geschützten geografischen Angabe. Poitín bietet den irischen Brennern eine weitere Möglichkeit, ihr Sortiment in Ergänzung zu Gin und Whiskey mit einem traditionellen Brand zu erweitern.

Irish Whiskey und seine Kategorien

Neben den vielen Gemeinsamkeiten zwischen irischem Uisce beatha und schottischem Uisge beatha gibt es einige Unterschiede, wobei die Schreibweise noch die geringste Differenz ist. Mit dem Pot Still Whiskey-Stil haben die Iren eine Kategorie, wie es sie in Schottland so nicht gibt.

Im Unterschied zu den schottischen Single Malts, welche zu 100 Prozent aus gemälzter Gerste hergestellt werden, müssen irische Brenner für ihre Pot Still-Whiskeys mindestens 30 Prozent gemälzte und mindestens 30 Prozent ungemälzte Gerste verwenden. Zugelassen sind zudem bis zu 5 Prozent andere Getreidesorten wie etwa Hafer oder Roggen.

«Irish Whiskey ist zurück, auch wenn Scotch Whisky in absehbarer Zeit kaum vom Thron zu stossen ist.»

Populär wurde die Kategorie, als die Briten eine Steuer auf gemälztes Getreide erhoben und sich die Iren langsam an diese leichtere Whiskey-Variante gewöhnten – und auch daran festhielten, nachdem die Steuer wieder abgeschafft wurde.

Wie die schottischen Nachbarn produzieren die Iren auch Malt und Grain Whiskeys. Während erstere, wie übrigens auch Pot Still-Whiskeys, in Pot Stills mindestens zwei, üblicherweise aber drei Mal destilliert werden, erfolgt die Destillation von Grain Whiskey mit Coffey Stills im kontinuierlichen Verfahren.

Dieses wurde zwar von einem gebürtigen Iren (Aenas Coffey) industrietauglich gemacht, von den irischen Brennern jedoch fatalerweise sehr lange ignoriert. Ein Geschenk, welches die aufstrebende Blended Scotch Whisky-Industrie seinerzeit mit Handkuss annahm.

Der Begriff Single auf dem Etikett eines irischen Whiskeys bedeutet dasselbe wie in Schottland, nämlich dass dieser explizit mit Whiskeys aus nur einer Distillerie hergestellt wurde. Und doch kann es – wie weiter oben bereits erwähnt – sein, dass die Flüssigkeit in der Flasche nicht aus der Brennblase der Brennerei auf dem Etikett stammt. Am ehesten fällt dies bei über zehnjährigen Single Malts auf, die von einer Brennerei vermarktet werden, welche es erst seit ein paar Jahren gibt.

Bei der Fasslagerung konnten die Iren viel von den experimentierfreudigen Schotten lernen. Gleichzeitig geniessen die irischen Brennereien in diesem Bereich zusätzliche Freiheiten. Neben Eiche können sich die Iren nämlich auch Fässer aus anderen Holzsorten aussuchen.

So experimentierte Teeling für eine limitierte Abfüllung bereits mit einem Finish aus brasilianischem Amburana- Holz. In den allermeisten Fällen werden jedoch gebrauchte Ex-Bourbon-, -Sherry-, -Port- oder -Madeira-Fässer verwendet. Bereits erhältlich sind auch Whiskeys mit einem Finish im Bierfass oder auch Virgin Irish Oak.

Boom oder Blase?

Irish Whiskey ist zurück, auch wenn Scotch Whisky in absehbarer Zeit kaum vom Thron zu stossen ist. Doch so einiges spricht dafür, dass der Whiskey in unserem Glas in Zukunft öfter mal Irish sein wird. Die junge Generation hat Freude, Neues zu entdecken und es muss nicht zwingend immer nur Scotch, beziehungsweise Single Malt sein.

Die Vielfalt von Irish Whiskey ist in den letzten zehn Jahren stark gewachsen und wird in den 2020er-Jahren nochmals zunehmen. Dank jenen Brennereien, die demnächst ihre ersten selbst destillierten Whiskeys abfüllen werden, dank jenen Brennereien, bei denen erst in den nächsten Jahren die Brennblasen in Betrieb genommen werden und dank den grossen Playern, welche ihre Sortimente auch in Zukunft vergrössern dürften.

Dieser Artikel erschien in
Ausgabe 1-2021

BAR NEWS-Magazin als Einzelausgabe

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