Beruflich liebt sie das Puzzle aus unterschiedlichen Menschen, den Mix aus Kreativität und Service am Gast und den grossen Druck in den facettenreichen Hotelbars. Wir bitten Marie Gerber, Barmanagerin des The Chedi Andermatt, vor den Vorhang.
von Mia Bavandi

Aufgewachsen im sächsischen Land im Erzgebirge fehlt es Marie Gerber im schweizerischen Andermatt an nichts. Sie fühlt sich auch dann wohl, wenn die kleine Gemeinde im Winter manchmal tageweise vom Rest der Welt abgeschnitten ist. An ihren freien Tagen geniesst die The Chedi Andermatt-Barmanagerin die «traumhaften Berge». Weniger auf den Skiern, mehr beim Entspannen in Gesellschaft, mit Kulinarik und Sonnenschein auf den Berg- und Skihütten. Auf Städtereisen oder kurzen Zürich-Aufenthalten besucht die junge Bardame andere Bars sowie Kolleg(inn)en und tankt Kraft in den Wellness-Bereichen der Hotels. Gleich nach ihrem Abitur vor zehn Jahren absolviert die heute 28-Jährige die Ausbildung zur Restaurantfachfrau in der Tiroler Fachberufsschule für Tourismus in Absam. Danach verschlägt es Marie Gerber in die Fünf-Stern-Hotellerie im tirolerischen Kitzbühel und Südburgenland. Sie durchläuft sämtliche Bereiche der gehobenen Hotellandschaft und «leckt Blut für die Bar».

Im Sommer 2016 beginnt Gerber im The Chedi Andermatt, wo sie sich beruflich angekommen fühlt. «Hier habe ich wieder bei Null angefangen und meine damaligen Chefs Jason Knüsel und Wolfgang Mayer genervt bis zum Gehtnichtmehr». Gerber, die bisher nur in der Fünf-Stern- Hotellerie und ihren Bars gearbeitet hat, findet: «Viele unterschätzen die Arbeit in der Hotelbar, wollen lieber kreativ sein und mixen. Das geht in einer kleinen Bar, nicht aber in einer Hotelbar. Meine Leidenschaft hier ist der Mix aus Kreativität und Service». Der Arbeitsdruck in dem Luxury Mountain Hotel macht der jungen Frau, die sich selbst lieber zurücknimmt, gar nichts aus. «Ich brauche diesen Druck und die Vielfalt eines grossen Hotels. Hier wird es nie langweilig, und ich liebe den Kontrast zwischen luxuriösem Wahnsinn und kleinem Bergdorf».

Marie Gerber

The Chedi Andermatt
Gotthardstrasse 4, 6490 Andermatt
thechediandermatt.com


In der Position der Barmanagerin, die sie seit Dezember 2018 bekleidet, zeichnet sie nicht nur für die Leitung der Hotelbar mit rund 500 Spirituosen oder das Kreieren von Signature Drinks verantwortlich. Die Administration der Dienst- und Zeitpläne, Schulungen und Events, die Lobby, Terrasse, den Tee- und Weinservice und die Cigar Library mit über 400 Zigarren unterliegen ihrer Obhut. «Das geht nur mit einem starken Team aus unterschiedlichen Charakteren, die sich auch für unterschiedliche Bereiche und Produkte interessieren. Ein Puzzle aus solchen Menschen ist extrem wichtig. Ein Star in der Bar alleine bringt gar nichts».

Mit ihrem Team stemmt sie alles andere als 08/15-Cocktails, überrascht Event- und Business-Gäste mit exklusiven Aperitifs, kreiert Sirups und gestaltet in Zusammenarbeit mit der Küche flying lunches für 360 Gäste mit Essen von mehreren Stationen. «Ich liebe es, in grossen Teams Sachen zu meistern und wenn alle für die Sache brennen». Mit über 100 Positionen besitzt The Chedi Andermatt ein der grössten europäischen Sake-Kollektionen. Marie Gerbers «Yama»-Cocktail mit rotem Reis-Sake, Rhum, Holunderblütenlikör, Brombeeren und einer hausgemachten Gänseleber-Praline ist nur ein Signature Drink mit Sake, dem das Barteam besondere Aufmerksamkeit schenkt. «Wir kreieren die Sommer- und Winterkarten zu ausgewählten Themen im Team, können und machen alles, aber der Gast entscheidet. Daher freuen wir uns, dass zumeist unsere Haus- Cocktails gewünscht sind», so die Gastgeberin des The Cigar Library. Den begehbaren Humidor hat die Zigarrenliebhaberin mit Unterstützung des Managements hergerichtet und erweitert.
marie-gerber
Gerade hier und manchmal in Männerrunden stosse sie anfänglich auf erschrockene Gesichter, wenn sie als «kleine und zurückhaltende Frau» in ihrer Funktion als Gastgeberin der Zigarrenlounge auftaucht. «Es ändert sich zwar, aber manchmal werde ich von oben herab angesehen», erzählt Gerber, die in unangenehmen Gästen eher die Herausforderung sieht, diese glücklich stimmen zu wollen. Wettbewerbsfieber kennt die ehemalige Tischtennisspielerin im deutschen Leistungskader mit Trainerlizenz schon aus Jugendjahren. Auch im Bar-Metier ist sie wettbewerbserfahren, vernetzt und bekannt: 2. Schweizer Finalistin des Havana Club Grand Prix 2020, Zweitplatzierte bei den Swiss World Class Finals 2019 oder Swiss Bar Awards 2018 und viele andere. Glücklich ist sie immer erst nach dem Wettkampf – über die wertvolle Erfahrung, das Netzwerken und über sich selbst Hinauswachsen, aus sich Herausgehen und gestiegenes Selbstbewusstsein. «Vorher geht es mir schlecht», weiss die junge Dame, die nunmehr viel zu selten Tischtennis spielt. Dafür pusht sie ihr Bar-Team zur Teilnahme von und in Vorbereitung zu wertvollen Competitions: «Ihr seid niemals ready. Erst, wenn ihr es gemacht habt, dann aber besser als gedacht».