Neue Trinkethanol-Produktionsanlage

Der erste Trinkethanol aus Schweizer Produktion

Mitte Juni wurde nach einer vierjährigen Planungsphase die erste Trinkethanol-Produktionsanlage der Schweiz bei der Zuckerfabrik Aarberg eröffnet. Diese neue Möglichkeit steht natürlich ganz im Zeichen von Swissness und unterstützt die Schweizer Brenner in ihren Bemühungen, von A bis Z Schweizer Produkte herzustellen.
Modernste Produktionsanlage CH11

BAR NEWS wollte etwas mehr wissen und befragte den Geschäftsleiter von Alcosuisse, Florian Krebs.

BAR NEWS: CH11 Schweizer Trinkethanol aus Schweizer Produktion – Wie war der Entscheidungsprozess, was gab den Anstoss?
Florian Krebs: Wir von der Alcosuisse sind seit Jahrzehnten im Ethanolgeschäft zu Hause. Wir kaufen weltweit verschiedenste Ethanolqualitäten ein, bereiten sie dann in unseren zwei Betrieben in der Schweiz auf und beliefern damit unsere Kunden in der Schweiz. Ethanol ist unser Kerngeschäft und unsere absolute Leidenschaft. Deshalb störte es uns schon lange, dass wir kein eigenes, in der Schweiz selbst produziertes Ethanol im Angebot hatten. Wir suchten nach verschiedenen Möglichkeiten, so ein Projekt umzusetzen, wenn möglich mit einem Partner, der den geeigneten Rohstoff sicherstellen konnte. Als wir mit der Schweizer Zucker erste Gespräche in diese Richtung führten, war deshalb schnell klar, dass dies passt und wir vereinbarten gemeinsam eine Partnerschaft, die dieses Grossprojekt zum Leben bringen sollte.

Wie lange dauerte es von der Idee bis jetzt produziert werden konnte?
Von den ersten Gesprächen bis zur definitiven Inbetriebnahme der Anlage vergingen rund vier Jahre. Die meiste Zeit brauchte dabei die vorgängige Planungsphase sowie die Testphase nach der Installation der Anlagen. Der eigentliche Aufbau und die Installation dauerten nur rund acht Monate.

Wo gab es Schwierigkeiten bei der Umsetzung?
Neben der teilweise sehr anspruchsvollen Einhaltung der diversen gesetzlichen Vorgaben im Bereich Explosionsschutz war für uns vor allem die intensive Testphase vor der eigentlichen Inbetriebnahme sehr herausfordernd. Wir hatten eine klare Vorstellung von der Qualität, die wir haben wollen.

Die ersten Resultate waren zwar grundsätzlich gut und entsprachen formell den Anforderungen von Trinksprit. Wir wollten aber insbesondere die organoleptischen Eigenschaften – also den Geschmack und den Geruch – bis auf das absolute Maximum optimieren, da das Schweizer Ethanol unser absolutes Flaggschiff sein und bezüglich Qualität neue Massstäbe setzen soll. Dieser hohe Qualitätsanspruch kostete uns ehrlich gesagt sehr viel Zeit, Aufwand und teilweise auch Nerven. Jetzt im Nachhinein schauen wir aber gerne auf diese intensive Testphase zurück, weil wir mit dem jetzt erzielten Resultat äusserst zufrieden und stolz darauf sind.

«Ich habe schon lange darauf gewartet und freue mich riesig, dass ich jetzt für meinen Schweizer Gin auch Schweizer Ethanol verwenden kann. Swissness pur! Ist eine super Sache!»

Urs Streuli, Brenner Horgen

Wie hoch war das Investitionsvolumen?
Das gesamte Projekt benötigte eine Investition im tieferen einstelligen Millionenbereich. Diese Investition ist natürlich auch mit einem gewissen Risiko verbunden. Wir sind jedoch überzeugt, die Kundschaft mit der wirklich einzigartigen Qualität, der hundertprozentigen Swissness und der Nachhaltigkeit unseres Produktes überzeugen zu können.

Die Anlage CH11 kann bis zu 700’000 Liter Trinkethanol produzieren.

Wie viel wird produziert?
Wir beginnen mit relativ kleinen Mengen von rund 80’000 Litern reinem Alkohol dieses Jahr. Die Anlage hat aber insgesamt eine Kapazität von 700’000 Litern und wir planen natürlich, in den kommenden Jahren den Output laufend zu erhöhen.

Wie ist es zum Namen CH11 gekommen?
Der Name mag etwas technisch wirken, steht jedoch in der Tradition unserer seit vielen Jahren in der Schweiz vermarkteten Ethanolqualitäten. Diese sind immer eine Kombination von ein oder zwei Buchstaben und zweier Zahlen. Die Buchstaben referenzieren dabei auf die Basisqualität – hier ist das CH natürlich ein Hinweis auf die Schweiz – die beiden Zahlen geben dann die Reinheit und die Verwendung des Produktes an: die erste 1 steht für die absolute beste Qualität, die zweite 1 für die Verwendung als Trinksprit. Unsere Kunden haben sich an diese Logik gewöhnt, weshalb wir diese auch für unser neues Produkt angewendet haben.

«Super, ich finde es hervorragend, dass von Alcosuisse jetzt auch Schweizer Ethanol für die Schweizer Brenner angeboten wird. Gerade die Pandemie hat doch aufgezeigt, dass die Abhängigkeit vom Ausland riesig ist.»

Sonia Petignat, Agroscope Wädenswil

Wie sieht die Preisstruktur aus im Vergleich CH und Ausland?
Das Ethanol aus der Schweiz hat aufgrund seiner hohen Qualität, der nachhaltigen Rohstoffe sowie der Produktion in der Schweiz seinen Preis. Verglichen mit einem Standardindustrieethanol aus dem Ausland ist es deutlich teurer, wenn man es aber vergleicht mit einem ähnlichen, qualitativ absolut hochwertigen Ethanol, sind die Preisunterschiede nicht mehr so gross.

Was spricht für CH11 im Gegensatz zu ausländischem Ethanol?
Es sind drei Eckpfeiler, weshalb wir so überzeugt sind von unserem neuen Produkt CH11:

1. Die hundertprozentige Swissness: Im neuen CH11 ist wirklich alles aus der Schweiz. Wir finden, das ist gerade für Hersteller von Spirituosen, die stark auf den lokalen, regionalen oder nationalen Charakter ihres Produktes setzen, ein enorm starkes Argument. Weshalb soll in einem Schweizer Gin, lokal hergestellt mit einem selbst ertüftelten Rezept, nicht Schweizer Ethanol sein? Eigentlich undenkbar, dass dies mit einem importierten Massenprodukt von irgendwo hergestellt werden soll.

2. Die Qualität: Das neue Produkt ist qualitativ wirklich einzigartig. Wir sind hier keine Kompromisse eingegangen und haben das Produkt voll optimiert für den Einsatz als Trinkethanol. Das heisst, dass die analytischen Werte der Verunreinigungen einzigartig tief sind – wir lassen übrigens jeden Batch vom Eidgenössischen Labor Metas testen. Zudem sind die organoleptischen Eigenschaften des CH11 aussergewöhnlich: einerseits die absolute Neutralität im Geruch, andererseits die sehr feine, milde Geschmacksempfindung im Gaumen, die von den extrem tiefen Verunreinigungen herkommt.

3. Nachhaltigkeit: Das Produkt CH11 wird konsequent nachhaltig hergestellt. Es basiert voll und ganz auf regional hergestellten Zuckerrüben aus dem Seeland, ist also ein lokales Naturprodukt. Zudem verwenden wir für das Brennen nur die Melasse, also eigentlich ein Überbleibsel aus der Zuckerproduktion, das wir mit unserer Verwendung wieder zu einem hochwertigen Produkt umwandeln. Man kann bezüglich dieser Produktion wirklich von einer Kreislaufwirtschaft sprechen. Oder, in Anlehnung an das bekannte «from nose to tail» aus dem nachhaltigen Fleischkonsum, von einer Verwertung «von der Wurzel bis zum Kraut» der Zuckerrübe.

Ein lokales Naturprodukt – Zuckerrüben aus dem Seeland.

Rohstoff Zuckerrüben: Ist dieser in genügenden Mengen in der Schweiz verfügbar?
Grundsätzlich ist die Verfügbarkeit von Melasse als Nebenprodukt der Zuckerproduktion gegeben. Wir verwenden nur einen kleinen Teil der anfallenden Melasse, wodurch ein genügend grosser Sicherheitspuffer eingebaut ist.

Hat CH11 jetzt Einfluss auf den Anbau von Zuckerrüben?
Nicht direkt. Aber indirekt hat es natürlich schon positive Auswirkungen, die lokale Produktion dieser Kulturpflanze zu stützen und vielleicht auch ein bisschen ihr Image aufzupolieren. Mit der Produktion von Ethanol ist nämlich ein weiteres Produkt zu einer bereits beeindruckenden Palette hinzugekommen, was aus der Rübe alles gewonnen wird. Neben dem Zucker sind dies heute nämlich Tierfutter, Hefeansatz, Biodünger, Gartenerde und weitere Basisprodukte.

«In unserem 120-jährigen Schweizer Familienbetrieb haben wir in den Grundgenen den Swissness-Gedanken. Wenns irgendwie geht, beziehen wir die Rohstoffe aus der Schweiz. Dass dies jetzt auch beim Ethanol möglich ist – ist doch ein grosses Glück!»

Pascal Loepfe CEO Appenzeller Alpenbitter AG

Womit können die Schweizer Brenner punkten, wenn Sie CH11 einsetzen?
Uns von der Alcosuisse liegt die gesamte Branche der Schweizer Brenner enorm am Herzen. Wir sind stolz darauf, mit unseren Ethanolprodukten eine wichtige Basis für all die hervorragenden Spezialitäten, die es in unserem Land an Ethanolspirituosen gibt, zu leisten. Mit dem neuen Produkt CH11 können die Schweizer Brenner nun erstmals ihre Produkte mit einem hier in der Schweiz hergestellten Ethanol herstellen und damit auch die Swissness und die lokale Verankerung ihrer Produkte noch glaubwürdiger verkaufen. Dies zudem mit einem Ethanol, das bezüglich Qualität und Nachhaltigkeit neue Massstäbe setzt.

Wir werden jene Brenner, die auf Schweizer Ethanol setzen, zudem in ihren Marketingbemühungen unterstützen. Einerseits können diese Brenner unser Label «Schweizer Ethanol» auf ihren Produkten aufdrucken und damit Werbung machen, andererseits werden sie prominent auf einer neu aufgeschalteten Website schweizerethanol.ch beworben und durch unsere verschiedenen Kommunikationskanäle von uns intensiv promotet. Wir wollen so unseren Anteil beisteuern, um die Schweizer Spirituosenindustrie noch etwas mehr zu pushen und dem Publikum bekannt zu machen.

Wie kommen Schweizer Brenner am einfachsten zu diesem Produkt?
Bis jetzt haben wir das Produkt nur einigen Pionieren zur Verfügung gestellt, die mit dem neuen Produkt die ersten Chargen ihrer Spirituosen hergestellt haben. Ab sofort steht das Produkt nun aber sämtlichen Brennern, die in der Schweiz produzieren, zur Verfügung. Es kann direkt bei der Alcosuisse bezogen werden. Zudem können alle Brenner, die sich neu für Schweizer Ethanol entscheiden, auch das Label verwenden und von den unterstützenden Marketingmassnahmen profitieren.

Dieser Artikel erschien in
Ausgabe 3-2022

BAR NEWS-Magazin als Einzelausgabe

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