Seit mehr als einem Jahrzehnt prägt die Atelier Classic Bar die Thuner Barszene. Tief im Gewölbe eines 250 Jahre alten Kellers gelegen, hat sie sich vom Geheimtipp zum Inbegriff für Beständigkeit, Authentizität und handwerkliche Barkultur entwickelt. Mit warmem Licht, Backsteinmauern und Kerzenflackern empfängt sie ihre Gäste wie ein zweites Zuhause. Bevor man die schmale Eingangstreppe hinabsteigt, zieht die Atmosphäre bereits in den Bann, als wollte sie einen förmlich weiterführen.
Wer dann hinuntergeht, spürt sofort den besonderen Rhythmus dieses Ortes. Ivan Urech, Inhaber der Bar, beschreibt sie als eine «Manege, in der wir mit unseren liquiden Instrumenten ein Orchester machen». Er ist ein Geschichtenerzähler, spricht in Bildern, denkt in Metaphern und überlässt weder seine Auftritte bei Wettbewerben noch die Details seiner Bar dem Zufall. Über dem Bartresen sind die Stahlbalken dicht beklebt mit beschrifteten Banknoten aus aller Welt.

Dahinter steckt eine alte Tradition, die einst Matrosen pflegten, mehr sei an dieser Stelle jedoch nicht verraten. Wer es genau wissen will, sollte Urech selbst fragen, bei einem Besuch im Atelier. Jeder Geldschein, jede Währung, jede Notiz trägt eine Geschichte in sich. Spuren vergangener Reisen, Erinnerungen an aussergewöhnliche Begegnungen, Relikte gelebter Abenteuer. Heute sind sie mehr als Dekoration: kleine Zeitkapseln, die bei den Gästen Bilder, Gefühle und Gedanken wachrufen und sie auf ihre eigene Gedankenreise schicken.
«Jeder Schein», sagt Urech, «nimmt die Gäste für einen Moment mit auf eine kleine Reise.» «Niemand kommt in eine Bar, weil er Durst hat. Man will Atmosphäre, man will das Gesamte erleben», erklärt der Herzblutgastgeber. Diese Haltung zieht sich durch alles, von der Einrichtung über die Musik bis zur Barkarte.
Lyrik statt Liste
Die Barkarte des Atelier Classic ist längst selbst zu einer Legende geworden. 2021 wurde sie als beste Barkarte der Schweiz ausgezeichnet. Mehr als eine Karte ist sie ein dick gebundenes Barbuch, eine Sammlung von Geschichten, Zitaten, Songtexten und Gedichten, die Drinks in Worte fasst und in Emotionen übersetzt.
Unsere Bar ist eine Manege, in der wir mit unseren liquiden Instrumenten ein Orchester machen.
Ivan Urech, Geschäftsführer Atelier Classic Bar
In ihr begegnen sich Filmzitate, wie etwa der legendäre Satz «Schön langsam, Jaqueline, sonst kotzt du wieder alles voll!» aus Der Schuh des Manitu oder das ikonische Zitat aus Sex and the City: «Die Männer mögen vielleicht das Feuer entdeckt haben, die Frauen aber wissen, wie man damit spielt». Auf fast 80 Seiten entfaltet sich eine poetische Manege aus 23 Kapiteln, von den Sours bis zu den alkoholfreien Kreationen, verziert mit Illustrationen von lokalen Künstlerinnen.
Jede dieser Karten ist handgefertigt, ein Unikat mit Lederumschlag aus der Gerberei ums Eck, verschraubt und geprägt mit dem Metallemblem «Atelier». So beliebt ist das Werk, dass es inzwischen auch gekauft werden kann: Rund zweimal pro Woche verlässt ein Exemplar die Bar.
Zwischen Tradition und Wandel
Thun ist keine Stadt der schnellen Trends und genau das macht die Atelier-Bar stark. Hier zählt Echtheit. Urech nennt es «innovativ-konservativ»: Neues wagen, ohne das Bewährte zu verlieren. Milchkaffee gibt’s bewusst nicht, dafür ehrliche Cocktails und Signature-Drinks mit Geschichte.
Jeder davon trägt die Handschrift des Teams, oft inspiriert von Reisen oder Wettbewerben. Zehn Mitarbeitende bilden ein eingespieltes Ensemble. Urech ist Barkeeper, Lehrer und Mentor zugleich, unterrichtet an der Gastrofachschule und fördert junge Talente. «Ich will sie nicht einfach mit Wissen füllen, sondern anzünden mit einem Feuer», sagt er. Diese Haltung schafft Vertrauen, Kontinuität und eine spürbare Leidenschaft hinter dem Tresen.

Im schnelllebigen Nachtleben bleibt das Atelier eine Konstante. Seit über zehn Jahren führt Urech die Bar mit Herzblut, klarer Linie und dem Gespür für echte Gastfreundschaft. Die Auszeichnung als Best Longseller Bar 2025 ist mehr als ein Titel, sie steht für die Liebe zum Handwerk, die Treue zu den Menschen und das Wissen, dass Zeit Reife bringt.


