Wer glaubt, Bier sei immer leicht und durstlöschend, hat wohl noch nie einen Schluck Barley Wine genossen. Das starke Gebräu ist kein Feierabendbier – es ist ein Statement im Glas. Seine Geschichte beginnt im 18. Jahrhundert in England, in einer Zeit, als man sich während der Napoleonischen Kriege mit Frankreich auf den Schlachtfeldern bekämpfte. Französischer Wein war in gehobenen englischen Kreisen ein Muss, bis die Handelsbeziehungen durch Krieg und Politik ins Stocken gerieten.
Also brauchte man eine heimische Alternative, die den edlen Weinen aus Bordeaux und Burgund in Sachen Prestige, Aromatik und Alkoholgehalt ebenbürtig war. Braumeister suchten – und fanden – einen Weg, ein Bier zu kreieren, so stark, dass man es guten Gewissens «Gerstenwein» nennen konnte, also Barley Wine. Und dies, obwohl kein Tropfen Traubensaft darin steckt! In einer Zeit, in der Bier als Arbeitergetränk galt, war das ein cleverer Schachzug.
Die englischen Lords und Ladies waren amused. Irgendwann war Napoleon besiegt und es war wieder einfacher, an Luxusgüter vom europäischen Festland zu kommen. Der Bierstil geriet aus der Mode und schliesslich in Vergessenheit. In den 1970er-Jahren erlebte er dank der Craft-Bier- Bewegung jedoch eine Renaissance, vor allem in den USA. Amerikanische Brauer verliebten sich in die Opulenz des englischen Originals – und gaben ihm ihren eigenen Dreh, mit viel Hopfen. Noch heute zeichnen sich Barley Wines durch starke Hopfengaben aus, trotzdem nimmt man das Bier vordergründig nicht als sehr bitter wahr, denn die Bittere wird durch eine kräftige Malzsüsse ausbalanciert.
Intensiv und kraftvoll
Ein Barley Wine ist ein obergäriges Bier, also ein sogenanntes Ale. Das bedeutet, dass die Hefe bei höheren Temperaturen – um 18 bis 22 Grad Celsius – arbeitet. Dabei bilden sich komplexe, fruchtige und gewürzartige Aromen. Mit einem Alkoholgehalt zwischen acht und vierzehn Volumenprozent gehört der Stil zu den ganz Starken des Bieruniversums.
Die Farbe reicht von dunklem Gold über tiefes Kupfer bis zu sattem Mahagoni, fast Schwarz. Barley Wine wird praktisch immer gelagert, meistens in gebrauchten Sherry-, Portwein-, Whisky- oder Cognacfässern aus Eichenholz. Dabei entwickeln sich zusätzliche Aromen von Vanille, Honig, Nüssen und Trockenfrüchten; ausserdem gehen die Holznoten des Fasses ins Bier über. Der intensive Malzcharakter und der vollmundige, fast schwere Körper vervollständigen das kraftvolle Wesen des Bieres.
Eine sinnliche Sache
Ein Schluck Barley Wine spricht alle Sinne an. Am besten serviert man ihn in einem bauchigen Glas – so kommt die Farbe zur Geltung und die Aromen können besser in die Nase steigen. Ideal ist eine Trinktemperatur von mindestens zehn Grad; Exemplare mit höherem Alkoholgehalt dürfen auch wärmer sein. Dann entfalten sie ihre ganze Tiefe. Die Textur dieser Biere ist vollmundig, die Kohlensäurebläschen sind klein, deshalb wirken sie im Mund beinahe ölig. Sie sind Schluck für Schluck ein Genuss, keine Durstlöscher.
Selbstverständlich kann man einen Barley Wine auch zum Essen kombinieren. Eine Pizza Margherita oder ein Caesar Salad sind jedoch die falsche Wahl. Dieser Bierstil braucht ein Menü, das geschmacklich mithalten kann. Kräftige Speisen wie Schmorgerichte, Wildpfeffer oder reife Käsesorten sind ideal. Will man bei der Pizza bleiben, ist eine «Quattro Formaggi» mit Gorgonzola die beste Wahl. Auf ein aussergewöhnliches Geschmackserlebnis gefasst machen kann sich, wer Barley Wines zu Desserts mit gerösteten Nüssen, Caramel oder Dörrfrüchten kombiniert.
Lebkuchen, Panettone oder Weihnachtsguetzli sind die Top-Partner. Doch eigentlich brauchen Barley Wines keine Partner, sie stehen wunderbar für sich alleine, beispielsweise als Digestif. Am besten passen sie zu einem Ohrensessel, einem Kaminfeuer und einem Bärenfell – um noch ein wenig bei der englischen Oberschicht zu bleiben. Aus Mangel an Bärenfell tut’s auch ein gemütliches Sofa. Auf jeden Fall macht dieser Bierstil im Winter mehr Spass: Wenn es draussen kalt ist, verbreitet er eine wohlige Stimmung.
Fazit
Barley Wine ist kein Bier, wenn es um Mengen geht. Aber es passt in jenen Momenten, in denen man das Leben ein wenig feiern will. Es ist flüssige Geschichte, ein Hauch britischer Exzentrik und ein Beweis, dass Bier manchmal näher am Wein ist, als man denkt.


